Donnerstag, 26. Januar 2017

Michael Oehme über das Merkel-Selfie


Ein Selfie mit schwerwiegenden Folgen

„Wir sind in einem Zeitalter angekommen, in dem ein Selfie ein Menschenleben verändern kann“, weiß Kommunikationsexperte Michael Oehme und bezieht sich auf einen Fall, in dem der 19-Jährige Syrer Anas Modamani ein Selfie mit Bundeskanzlerin Angela Merkel gemacht hat. Die Folgereaktionen, mit denen der junge Mann anschließend konfrontiert wird, sind fatal: „Plötzlich stand er im Rampenlicht und zwar zunächst im negativen Sinne: Er wurde im Netz als Terrorist beschimpft, was vor Gericht als Rufmord gilt und auch jetzt dient sein Foto rechtem Gesindel in den sozialen Netzwerken immer wieder als Grundlage für Hetze und Verleumdung“, kritisiert Michael Oehme. Anas Modamani selbst zieht nun vor Gericht. „Die Leute sollen damit aufhören“, wünscht er sich. Die Nachricht von Modamanis Rechtsstreit mit Facebook sorgt weltweit für Schlagzeilen. „Hier kommen viele wunde und emotionale Punkte zusammen“, weiß Kommunikationsberater Oehme aus seiner eigenen Branche. „Es geht um Merkel und ihre Flüchtlingspolitik, über Hasswellen in sozialen Netzwerken und darum, dass Rechtspopulismus wieder gesellschaftsfähig geworden ist“, erklärt Oehme.
Unterdessen reißen sich Reporter aus Kanada, England und vielen anderen Ländern um ein Interview mit dem Syrer. Nach der öffentlichen Verleumdung musste er sich tagelang bei einem Freund verstecken, weil er als Gewalttäter und Terrorist bezeichnet wurde und plötzlich mit diversen medial diskutierten Verbrechen in Verbindung gebracht wurde, später wurde er zum Polittalk von „Maybrit Illner“ eingeladen und erschien auf dem Cover des „Stern“-Jahresrückblicks. „Im Grunde genommen ist es traurig, dass der junge Mensch durch diese verwerflichen Verhaltensweisen anderer Aufmerksamkeit erlangt“, so Michale Oehme. Anlässlich des Terroranschlags in Berlin am 19.Dezember wurde das Foto zuletzt missbraucht – inklusive der Headline „Merkels Tote“. Ein weiteres Paradebeispiel für das vielseitig diskutierte Thema „Fake News”. Doch neben dem „Merkel-Selfie“ gibt es noch so viel mehr über den Syrer zu berichten: Geflüchtet aus Daraja, südlich von Damaskus, mittlerweile ein einzigartiges Trümmerfeld, kam er vor anderthalb Jahren nach Deutschland und wurde bei Gasteltern aufgenommen. Seither lernt er täglich Deutsch, befindet sich bereits auf C1-Niveau. „Das bedeutet, dass er sich zum nächsten Semester für ein deutschsprachiges Studium bewerben kann“, so Michael Oehme.

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