Donnerstag, 20. Oktober 2016

Wenn Kommunikation aus Weglassen besteht

Von der derzeitigen Politik kann man in Sachen Kommunikation etwas lernen. Zumindest in dieser Hinsicht. Denn ansonsten schüttle ich häufig nur andächtig den Kopf. Fangen wir am Anfang an. Es gibt unter PR-Beratern den „Leitsatz“, dass man in der öffentlichen Kommunikation nicht immer alle sagen müsse, wenn aber, dann die Wahrheit. Ein Paradebeispiel dessen, zeigte die deutsche Kanzlerin Angela Merkel jüngst gegenüber der deutschen Presse und damit gegenüber ihrer Bevölkerung. Neugierig?

„In spätestens sechs Jahren tritt die Türkei der EU bei!“

Stellen Sie sich vor, Sie sind die Kanzlerin/der Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, Sie wachen morgens auf und Ihr Assistent wedelt aufgeregt mit einer Presseauswertung, wonach der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan über seinen Diplomaten EU-Botschafter Selim Yenel ungeachtet der derzeitigen Situation und Kritik öffentlich verlautbaren ließ, dass die Türkei in spätestens sechs Jahren Mitglied der EU sein möchte. Die Verweigerung sei „langfristig nicht akzeptabel“, was für mich nach ein wenig mehr als nach einer Bitte klingt. Gleichzeitig fordere er die Kanzlerin auf, unverzüglich nach Ankara zu kommen. Aber klar, pronto! Was macht man bzw. frau in diesem Fall? Gab es da nicht den Kommunikationsansatz des Weglassens? Hat doch beim tantraartig vorgetragenen „wir schaffen das“ auch funktioniert. Keine Antwort auf Probleme, stattdessen: „wir schaffen das“. 

Ablenkung

Als guter PR-Berater weiß man, wenn die Erfüllung anderer Ziele im Vordergrund stehen, sollte man andere Wege als den direkten Konflikt zu wählen. Doch was drückt die Kanzlerin? Sie ahnen es schon, es ist der sogenannte Flüchtlingspakt, mit dem die Türken derzeit das Problem aus der Welt zu schaffen scheinen, dass sich die Kanzlerin nolens volens selbst auf den Rücken geschnallt hat. Getreu dem alten Beamtenmotto: „Wenn ich nicht will, dass ich was tu, dann leit ich’s einem andren zu“ hat Angela Merkel denn nun das „Problem“ Flüchtlinge dem sich als äußerst demokratisch gerierenden türkischen Staat Türkei und ihrem neuen Freund Erdoğan  zugeordnet – und irgendwie selbst vom Tisch. Jedenfalls bemerke ich trotz kritischer Analyse der laufenden Presse kaum mehr Beiträge über die Probleme in den „Auffanglagern“. Kein Wunder, ist den deutschen Journalisten vermutlich der Zugang zu diesen inzwischen längst verwehrt. 

Was also tun?

Um sich nicht selbst nicht in Bedrängnis zu bringen, immerhin stehen selbst bei der sehr viel einfacheren Frage der Visafreiheit (als Entgegenkommen für das Flüchtlingsproblem) alleine 72 ungeklärte Fragen im Raum, wählt man zunächst eine Taktik, die ich gerne als Nebelbomben bezeichnet. Diese besteht darin, allgemeines Blabla loszulassen und über ein Thema zu sinnieren, das gar nicht auf der Agenda steht. Beispiel gefällig? Die Kanzlerin sieht ein besonderes Verhältnis zur Türkei, „das wird auch so bleiben“. „Was das deutsch-türkische Verhältnis besonders macht, sind die über drei Millionen türkischstämmigen Menschen, die in Deutschland leben.“ Zwar gebe es auch enttäuschende Beispiele offenbar nicht gelungener Integration. „Andererseits wäre es ganz falsch, davon auf alle drei Millionen Türkischstämmigen in Deutschland zu schließen“, so die Kanzlerin. Häh? Integration der Türken in Deutschland war doch gar nicht das Thema? Es ging um den EU-Beitritt der Türken nach einem Verhalten, das (hoffentlich) auch seitens der Kanzlerin nicht als demokratisch und mit den Menschenrechten konform eingestuft werden kann. Sie sehen, ein brillantes Beispiel „kommunikativer Höchstleistung“ in einer offensichtlich aussichtlosen Situation: Ablenken, Nichtssagen und nicht aufs Thema gehen. Es ist allerdings zu wünschen, dass derart verbale Ausfälle (?) immer mehr Menschen wachrütteln, dass hier in einiges faul ist im Staate Dänemark. Um mal eine schöne Redewendung aus dem ersten Aufzug von William Shakespeares Tragödie Hamlet zu gebrauchen („Something is wrong in the state of Denmark).

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