Freitag, 22. März 2013

Michael Oehme: Lebensrettende Tiergifte?

 
Spinnen, Schlangen, Skorpione – ihr Gift ist das effektivste Tötungsmittel der Natur. Dabei macht sich der Mensch heute die Toxine in Arzneien zunutze. Forscher entschlüsseln das medizinische Potenzial der Tiergifte. Es dient unterschiedlichen Zwecken und wirkt auf unterschiedliche Weise – aber immer im Zusammenspiel, um maximale Wirkung zu erlangen.

Doch die tödliche Wirkung von Tiergiften ist sehr wertvoll für die Medizin. Viele der Toxine richten sich gegen dieselben Moleküle, die bei der Behandlung von Krankheiten unter Kontrolle gebracht werden müssen. Aus Tiergiften sind bereits wichtige Arzneien gegen Herzleiden und Diabetes entwickelt worden. Neue Wirkstoffe gegen Autoimmunerkrankungen, Krebs oder Schmerzen könnten in den nächsten Jahren auf den Markt kommen.

Mehr als 100.000 Tiere haben die Fähigkeit entwickelt, Gift zu produzieren, dazu Drüsen, die es speichern, sowie Stachel und Zähne, um es einzusetzen: Schlangen, Skorpione, Spinnen, einige Eidechsen, Bienen, auch viele Fischarten, manche Oktopoden und Meeresschnecken. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass jedes Jahr bei mehr als fünf Millionen Bissen oder Stichen 100.000 Menschen ums Leben kommen.


Im Kampf gegen Krebs könnten Tiergifte gute Dienste leisten. Ein Chlorotoxin genanntes Neurotoxin aus dem Gift des Gelben Mittelmeerskorpions besitzt nämlich die Eigenschaft, sich an die Oberfläche von Krebszellen im Gehirn zu heften. Die große Mehrheit der Krankheitsfälle, in denen Krebs erneut ausbricht, hat als Ursache, dass Chirurgen bei der Operation am Rand der Wucherungen nicht zwischen gesunden und befallenen Zellen unterscheiden können.

Dank des Skorpiongifts aber haben Ärzte, die Gliome behandeln, die häufigste Form von Hirntumoren, eine Art "molekularen Suchscheinwerfer" entwickelt – indem sie Chlorotoxin mit einem Farbstoff im nahen Infrarot markierten. Schon beim ersten Versuch ließ diese Tumorfarbe "das Tumorgewebe wunderbar aufleuchten", sagt Olson. "Mit dieser Methode könnten Chirurgen die Krebszellen besser entfernen, vielleicht sogar zu 100 Prozent."
Das medizinische Potenzial von Tiergiften "ist überwältigend", sagt der Toxikologe und Schlangenforscher Zoltan Takacs. Doch es besteht die Gefahr, dass es schneller verloren geht, als die nutzbaren Toxine identifiziert werden können. "Wir sollten beim Schutz der weltweiten Artenvielfalt auch die molekulare Biodiversität beachten", fordert Takacs. So würden giftige Tiere bei Naturschutzentscheidungen stärker in den Fokus rücken. Es könnte lebensrettend sein.

By VL/ Michael Oehme

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