Montag, 7. Januar 2013

Michael Oehme: "Über Grenzen"


Schon in den frühen Abendstunden meidet, wer kann, der gewöhnliche Tel Aviver die Gegend um den Zentralen Busbahnhof im Südteil der Stadt. Obwohl die Billiggeschäfte der Gegend noch geöffnet haben, zieht es jeder vor, aus dem Stadtbus direkt in den Busbahnhof zu marschieren und so wenig wie möglich auf die Umgebung zu achten. Abends wagt sich kaum mehr jemand von außen in die Stadtteile Neve She’anan und Yad Harutzim. Dann gehört dieser Ort voll und ganz den Junkies,  ukrainischen und deutschen Prostituierten, Strichern, Transvestiten und meist illegalen Gastarbeitern aus Afrika, Rumänien oder Russland. Die Menschen sehen nach schlechten Drogen und ungesundem Sex aus.
Der Fotograf Tobias Kruse besuchte diesen Ort. Mit seinen Fotoessays versucht er neben dem politischen Ereignis stets auch die komplexe gesellschaftliche Wirklichkeit darzustellen. Seine Arbeiten setzen sich regelmäßig mit dem Nahen Osten auseinander. Zuletzt erschien eine große Reportage im Zeit Magazin über das Schicksal von schwulen palästinensischen Flüchtlingen in Tel Aviv.
Seine Fotos sind in der Ausstellung "Über Grenzen", im Haus der Kulturen der Welt, zu sehen. Sie sind intim, nackt und anzüglich. Am alten Busbahnhof hat er das Leben mit der Kamera so eingefangen, wie es ist. Abgefuckt. Man läuft über Spritzen und Kondome. Und dennoch ist das Bild einer halb nackten, dünnen, jungen Frau, deren Rock herunterhängt und selbstbewusst mit beiden Unterarmen an einen Bretterverschlag lehnt, das einzige Bild der ganzen Ausstellung, auf dem ein Mensch lacht und glücklich zu sein scheint, wenigstens für diesen einen Augenblick.
Eine Grenze beschreibt etymologisch einen Trennwert, eine Trennlinie oder –fläche. Grenzen können geometrischer, geografischer, wirtschaftlicher oder politischer Kultur sein. Auch das Gewissen kann als Grenze des Handelns agieren. Grenzen sind meist klar definiert und in der Lage Lebewesen einzuschränken. Sie begrenzen die Freiheiten. Manche Menschen überschreiten Grenzen und bringen sich dadurch in Gefahr. Das überschreiten von Grenzen kann sie sowohl in eine physische als auch in eine psychische Gefahr bringen.
Für die Ausstellung "Über Grenzen" haben neben Tobias Kruse17 weitere Fotografen das Land verlassen und nach neuen Grenzen gesucht. Sie haben reale Barrieren wie die in Belfast zwischen Protestanten und Katholiken gefunden oder die EU-Außengrenze. Sie machen die Grenzen sichtbar, die nicht aus Mauern und Polizisten bestehen, sondern in der Ausgrenzung, beispielsweise Roma, die in Südosteuropa immer Außenseiter bleiben. Oder die Chinesen, die in der italienischen Textilstadt Prato die Betriebe übernommen haben und von der einheimischen Bevölkerung abgelehnt werden.
Tobias Kruse sagt: "Es geht um körperliche Grenzen, es geht um gesellschaftliche Grenzen, um Ausgrenzung, denn es ist ganz klar ein Ort, wo man nicht hingeht, und die Leute, die da leben, hausen, zur 'Gesellschaft' auf jeden Fall nicht gehören. Es leben dort viele Illegale und tatsächlich auch viele Palästinenser, die - wenn sie gefasst werden - auch sofort zurück transportiert werden in die Westbank."

By VL/ Michael Oehme

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