Montag, 13. Januar 2014

PR-Michael Oehme _ Pressearbeit: Wirtschaft als festes Unterrichtsfach in Schulen


"Es ist ein kompliziertes Thema, aber erklärbar“, so Doreen Göpke, eine der wenigen Lehrer, die in Deutschland als eigenständiges Schulfach auf hohem Niveau unterrichten: Wirtschaft.
Doreen Göpke lehrt etwas, was Lehrer in Deutschland nur noch selten tun: Sie unterrichtet Wirtschaft als  eigenständiges Schulfach auf hohem Niveau. Themen ihres anspruchsvollen Unterrichts sind  Wirtschaftssysteme, Wettbewerbspolitik, soziale Sicherung, Finanzpolitik und Handelspolitik. Wenn die junge Lehrerin aufzählt, was ihre Schüler im Grund- oder Leistungskurs alles lernen, kommt schon etliches an Worten zusammen „Im Grunde genommen ist das über die Jahre ein halbes wirtschaftswissenschaftliches Grundstudium“, sagt Göpke. Sogar über die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank, die für viele Erwachsene ein Buch mit sieben Siegeln ist, wissen ihre Schüler am Ende der 12. Klasse Bescheid. „Es ist ein kompliziertes Thema, aber erklärbar“, sagt Göpke.
Selbst Schüler der fünften und sechsten Klasse unterrichtet die 31-Jährige am Bremer Gymnasium Horn  schon in Wirtschaft. Hier geht es erst einmal um Themen aus dem Lebensumfeld der Kinder wie Taschengeld, Werbung und Hauswirtschaft. Das Lehrmaterial für ihre Wirtschaftsstunden allerdings muss aus Artikeln, Texten und Broschüren von der jungen Lehrerin erst selbst aufbereitet werden. Gute und aktuelle Bücher sind  für dieses Fach nicht erhältlich, sagt sie. Für die angagierte Lehrkraft ist ein umfassender Wirtschaftsunterricht unabdingbarer Teil der Allgemeinbildung. „Die Schüler sollen doch befähigt werden, mündig handeln zu können“, beschreibt sie ein sehr wichtiges Ziel ihres Unterrichts. Mit ihrer Auffassung, Wirtschaft gehöre zur Allgemeinbildung, steht sie inzwischen in Deutschland nicht allein. Nicht erst seit gestern stehen ökonomische Themen wie die Staatsschuldenkrise oben auf der politischen Agenda – Themen, die für wirtschaftlich Ungebildete schwer zu verstehen sind. Gestritten wird nun aber darüber, ob es ein eigenes Schulfach geben muss, das dann von ökonomisch gut gebildeten Lehrern überall unterrichtet wird. Vor allem zwischen Wirtschaftsvertretern und Gewerkschaften ist darüber jetzt eine Diskussion entbrannt.
Im Jahr 2000 waren die gesteckten Ziele da anders: Damals haben die Arbeitgebervereinigung BDA und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) einstimmig ein Memorandum veröffentlicht, in dem sie die Einführung eines Schulfaches Wirtschaft in den allgemeinbildenden Schulen in allen Jahrgangsstufen forderten. Sie verlangten außerdem, die dafür benötigten Lehrer in speziellen Studiengängen auszubilden. Das bestehende, nur punktuelle Aufgreifen weniger wirtschaftlicher Themen in anderen Fächern wie Erdkunde, Geschichte oder Sozialkunde sei definitiv nicht ausreichend. „Gut zehn Jahre später sind wir von einem bundesweit einheitlichen Fach Wirtschaft an allgemeinbildenden Schulen immer noch weit entfernt“, stellt Dirk Loerwald, Oldenburger Professor für ökonomische Bildung,  fest. Nur in einigen Bundesländern und leider auch nur an ausgewählten Schulformen ist die Lage nach Loerwalds Ansicht zufriedenstellend. Gut umgesetzt werde das Thema in Niedersachsen, Bayern und Baden-Württemberg. Die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland die allgemeinbildende Schule ohne wirtschaftliche Grundbildung zu verlassen, schätzt Loerwald immer noch als hoch ein. Die Gewerkschaften haben sich von der Forderung nach einem eigenen Fach leider verabschiedet. Ganz offensichtlich hatte die Wirtschafts- und Finanzkrise einen Sinneswandel in dem Denken der  Gewerkschaften bewirkt. In jüngeren Stellungnahmen warnen der DGB und die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) vor einer einseitigen Vereinnahmung ökonomischer Bildung durch Ökonomen und sprechen sich gegen ein monodisziplinäres Fach Wirtschaft aus. Ökonomische Fragen müssten ihrer Meinung nach im Zusammenhang mit gesellschaftlichen, politischen und ökologischen Aspekten behandelt werden.
Wie unterschiedlich die Meinungen zum Fach Wirtschaft ausfallen, ist derzeit in Nordrhein-Westfalen zu beobachten. Dort läuft seit 2012 ein Versuch: An einigen ausgewählten Realschulen wird Wirtschaft in einem eigenen Fach unterrichtet. Dafür setzt sich in dem größten Bundesland in Deutschland sogar eine Gewerkschaft ein: Lehrer NRW, die die Interessen vor allem von Realschullehrern vertritt. Lehrer NRW verlangt, Wirtschaft dauerhaft als Pflichtfach einzuführen.
Bereits bei der Ankündigung des Modellversuchs war die Resonanz mehr als positiv. Dreißig Schulen sollten teilnehmen, viel mehr bekundeten Interesse – es wurden ganze siebzig. Wirtschaftsdidaktik-Professoren arbeiteten ein spezielles Curriculum aus. Und die betroffenen Lehrer machten begeistert mit, laut der Vorsitzenden von Lehrer NRW, Brigitte Balbach. „Ich habe es  in den letzten Jahren nicht erlebt, dass sich eine Gruppe von Lehrern einer Sache mit so viel Herzblut annimmt“, lobt sie. „Die Lehrkräfte wissen, dass die Zeit reif ist. Und die Schüler ziehen mit.“ Dass die Beteiligten, Schüler wie Lehrer, das Fach Wirtschaft  unbefristet haben wollen, zeigt eine aktuelle Umfrage: 80 Prozent sprechen sich uneingeschränkt für das Fach Wirtschaft aus.
Doch die Aussichten sind leider nicht positiv. Die rot-grüne Landesregierung hat den zunächst einjährigen Modellversuch, der von einer CDU-Ministerin beschlossen wurde, zwar um ein Jahr verlängert, stehe aber nicht dahinter, sagt Balbach. Der Fokus liege auf dem Fach  Verbraucherbildung. „Es soll um Konsum, Ernährung, Gesundheit, Verantwortung für sich und andere gehen.“ Die Lehrervertreterin ist nicht begeistert: „Es geht nicht um eine gute Lösung, es geht um die Profilbildung von Rot-Grün. Und Grün will uns erzählen, was wir essen und trinken dürfen, dass wir nicht rauchen sollen und was wir sonst noch dürfen oder nicht.“ Verbraucherbildung allein sei aber viel zu wenig, Schüler brauchen einen systemischen Zugang zu ökonomischem Wissen.

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